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 TOP 5 der Mountainbike-Verletzungen

Interview von Prof. Dr. Helmut Lill am 13.8. 2019 dem Deutschlandfunk zum Thema Verletzungsrisiko Mountainbiken (AUDIO)

Mit der wachsenden Anzahl der E-Mountainbikes steigt auch die Zahl der Verletzungen

Noch nie war das Wachstum bei E-Bikes so stark wie im vergangenen Jahr – von 720.000 in 2017 auf 980.000 in 2018 1. Der größten Beliebtheit erfreuen sich hier die E-Mountainbikes. Immer häufiger werden die Bike-Trails im Gelände von den elektrisch unterstützten Fahrern genutzt. Mit den besonderen Herausforderungen des E-Mountainbikes können aber längst nicht alle umgehen. Neben der höheren Geschwindigkeit, die je nach Typ erreicht werden kann, stellt vor allem das deutlich höhere Gewicht ein Risiko dar. Das Mountainbike ist dadurch bergab viel schwieriger zu steuern. Hinzu kommt, dass E-Bike-Fahrer in der Regel älter sind als Radfahrer ohne elektrische Unterstützung. Ungeübte Biker sind in Bezug auf Reaktion, Geschick und Gebrechlichkeit anfälliger für Verletzungen. Die Folgen sind erheblich: E-Bike-Fahrer sind häufiger mehrfach-verletzt und die Schwere der Verletzung und Mortalität (unfallbedingter Tod) sind deutlich höher 2.

Was sind die größten Risiken?

Die meisten Verletzungen und Stürze passieren bei der Abfahrt. Dazu muss es gar keine Downhill-Passage sein. Jeder dritte Sturz passiert, weil die Biker das Gelände falsch einschätzen (34%), beispielsweise einen rutschigen Untergrund nicht rechtzeitig erkennen. Der Elektroantrieb verleitet zusätzlich zu einer erhöhten Geschwindigkeit (33%). Darüber hinaus zählen Kollisionen mit anderen Fahrern, Müdigkeit und Unfälle mit Tieren zu den häufigsten Unfallauslösern 3.

 

Die häufigsten Mountainbike-Verletzungen

Fast drei Viertel aller Verletzungen von Mountainbiker-Fahrern passieren durch einen Sturz nach vorne (73%). Unfälle zur Seite (24,7%) oder gar rückwärts (1,8%) passieren deutlich seltener 4. Der Sturz nach vorne ist dabei nicht nur der häufigste sondern auch der gefährlichste, da die Geschwindigkeit bergab meist deutlich höher ist. So passieren 84% der Knochenbrüche und 90,9% der Gehirnerschütterungen beim Sturz nach vorne. Zu schwerwiegenden Hirnverletzungen kommt es allerdings selten, da inzwischen die meisten der Mountainbike-Fahrer einen Helm tragen und so Hirnverletzungen um 90% reduziert werden können 5.


1 de.statista.com/statistik/daten/studie/152721/umfrage/absatz-von-e-bikes-in-deutschland/

2 de Guerre, Sadiqi, Leenen, Oner, van Gaalen: Injuries related to bicycle accidents: an epidemiological study in The Netherlands Eur J Trauma Emerg Surg. 2018 Oct 15

Schepers JP, Fishman E, den Hertog P, Wolt KK, Schwab AL: The safety of electrically assisted bicycles compared to classic bicycles Accid Anal Prev. 2014 Dec;73:174-80

3 Quelle: Gaulrapp H, Weber A, Rosemeyer B, Injuries in mountain biking, Knee Surg, Sports Traumatol, Arthrosc (2001) 9: 48–53

4 Quelle: Robert L Kronisch et al., “Gender Differences in Acute Mountain Bike Racing Injuries.,” Clinical Journal of Sport Medicine : Official Journal of the Canadian Academy of Sport Medicine 12, no. 3 (May 2002): 158–64

5 Quelle: Bürgi, Nadja & Clijsen, Ron & Taeymans, Jan & Cabri, Jan. (2010). Akute Mountainbike-Verletzungen –ein Review. Sportverletzung · Sportschaden. 24. 77-81. 10.1055/s-0030-1255398

 


 

Hauptsächlich sind die Extremitäten der Biker betroffen. Drei Viertel aller Verletzungen sind Schürfwunden, Platzwunden und Prellungen der unteren Extremität. Gravierender sind in der Regel die Verletzungen der oberen Extremität. Im Bereich der Schulter, Arme und Hände kommt es am häufigsten zu Frakturen (12%). Speziell bei Downhill-Fahrern sind Rippenfrakturen das größte Risiko. Aber auch das Schlüsselbein leidet häufig (13-24% aller Frakturen), gefolgt von Finger- und Unterarm- und Handgelenksfrakturen. Jede siebte Verletzung betrifft die Bänder. Und eine ist dabei besonders auffällig: die Schultereckgelenkssprengung – sie stellt fast jede zweite Bandverletzung dar.

 

Wann ist eine Operation notwendig?

Ob eine Verletzung konservativ behandelt werden kann oder operiert werden sollte, hängt entscheidend von der Fehlstellung, dem Verletzungsausmaß und der Nachbehandlung ab.

Bei der konservativen Therapie von Brüchen werden gebrochene Extremitäten wieder eingerichtet, anschließend muss das Gelenk bzw. der Knochen ruhig gestellt werden: gebrochene Extremitäten mit Gips, das Schlüsselbein mit Rucksackverband und an der Wirbelsäule mit Korsett. In der Regel dauert es 6 Wochen, bis das Gelenk wieder belastbar ist.

Der Vorteil: OP-Risiken wie Narkose, Infekt oder Verletzungen von Strukturen wie Nerven, Gefäßen und Sehnen entfallen. Allerdings kann es durch die Ruhigstellung zur zeitweisen Versteifung von Gelenken und einem Abbau der Muskulatur kommen. Und es ist keine funktionelle Nachbehandlung – also eine Bewegung ohne relevante Belastung – möglich. Beide genannten Nachteile sind die Vorteile der operativen Therapie: Hier ist in der Regel keine Ruhigstellung erforderlich, sodass eine funktionelle Nachbehandlung das Risiko einer Versteifung und Muskelabbau reduziert. Was bleibt sind die genannten OP-Risiken. Und Implantate (Schraube, Platte, Nagel) müssen ggf. zu einem späteren Zeitpunkt wieder entfernt werden.

 

Wie schützen sich Mountainbiker am besten vor Verletzungen?

Wer mit seinem Mountainbike und insbesondere mit einer E-Bike-Variante unterwegs ist, sollte unbedingt auf die richtige Schutzkleidung achten: Helm, eventuell mit Vollvisier für Downhill-Biken. Aber auch Handschuhe, Mountainbike-Schuhe und bruchsichere Brillen sollten zur Ausstattung dazu gehören.

Jeder Fahrer sollte sich vorab Gedanken zu seinen technischen und körperlichen Fähigkeiten machen und seine Touren danach ausrichten. Vielerorts werden Fahrtechniktrainings für Mountainbiker angeboten. Besondere Witterungen, die für rutschigen Untergrund sorgen, sollten gemieden werden und die körperliche Fitness, sowie technische Sicherheit des Bikes sollten ebenfalls überprüft werden.

Therapieoptionen häufiger Mountainbike-Verletzungen

 

1. Schultereckgelenkssprengung (ACG Luxation)

In Deutschland wird körperlich aktiven Patienten eine OP empfohlen, wenn das Schlüsselbein bei Röntgen-Belastungsaufnahmen im Seitenvergleich um mehr als eine Schaftbreite nach oben steht (sog. Rockwood III). Wird konservativ behandelt, muss das Schultergelenk für max. 2 Wochen zur Schmerzreduktion im Verband ruhiggestellt werden. Anschließend steigert der Patient schrittweise die Beweglichkeit, wobei der Arm für die ersten 6 Wochen max. bis 90° abgespreizt werden darf. 3 Monate lang dürfen Arm und Schulter nicht übermäßig belastet werden.

Bei einer OP haben sich im Wesentlichen zwei Verfahren etabliert:

1) Arthroskopische AC-Gelenk-Stabilisierung

Unter Einsatz der Gelenkspiegelung (Arthroskopie) werden Bohrlöcher in das Schlüsselbein und in den darunter liegenden Rabenschnabelfortsatz (Processus coracoideus) gebohrt und diese beiden Strukturen anschließend mit einem Faden, der durch die Löcher läuft, verbunden. Durch den Fadenzug wird das Schlüsselbein wiederum nach unten gehalten und der Bandapparat kann in der korrekten Position ausheilen.

Vorteile: Da eine Gelenkspiegelung stattfindet, können im gleichen Eingriff auch Verletzungen im Schultergelenk behandelt werden. Eine Metallentfernung ist nicht erforderlich und die Narben sind deutlich kleiner.

Nachteile: Der Eingriff sollte jedoch nur von Spezialisten durchgeführt werden, es besteht ein Risiko des Bruches von Schlüsselbein oder Processus coracoideus. Und auch die Nachbehandlung (z.B. postoperatives Tragen einer Armschlinge) ist im Vergleich schwieriger: Die ersten 4-6 Wochen darf der Arm nur mit Unterstützung bewegt werden.

2) Implantation einer Hakenplatte

Auf das Schlüsselbein wird im Rahmen eines offenen Eingriffs eine Platte geschraubt, deren Haken unter das Acromion (Teil des Schulterdachs) eingehakt wird. So wird das Schlüsselbein nach unten gehalten und der Bandapparat kann in der korrekten Position ausheilen.

Vorteile: Eingriff im Vergleich zur arthroskopischen ACG-Stabilisierung einfach.

Nachteile: ggf. Schmerzen durch Haken und Platte, ggf. eine Beschädigung des Knochens durch den Haken, ein Impingement (Einklemmung) des Schleimbeutels im Schultergelenk durch den Haken. Und das Metall muss zu einem späteren Zeitpunkt definitiv wieder operativ entfernt werden.

Quellen:

Martetschläger F, Kraus N, Scheibel M, Streich J, Venjakob A, Maier D:

The diagnosis and treatment of acute dislocation of the acromioclavicular joint. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 89–95. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0089 dgou.de/uploads/media/Nachbehandlungsempfehlungen_2018.pdf

 

2. Schlüsselbeinbruch

Viele Schlüsselbeinbrüche können konservativ im Rucksackverband oder in der Schultergelenksorthese behandelt werden. Aktuell steigt in Deutschland die Tendenz Schlüsselbeinbrüche operativ zu versorgen.

OP-Indikation:

- Brüche mit starkem Versatz (mehr als eine Schaftbreite)

- Verkürzung des Schlüsselbeins - Offene Fraktur - Begleitende Gefäß- und/oder Nervenverletzung

OP-Technik: Die Standard-OP-Technik bei Erwachsenen ist die offene Operation mit Einrichtung des Bruchs und anschließender Fixierung mit einer Platte. Insbesondere bei Schlüsselbeinschaftbrüchen bei Kindern und Jugendlichen besteht auch die Möglichkeit über einen kleinen Schnitt einen Nagel, der den Bruch überbrückt, in das Schlüsselbein einzubringen.

Nachbehandlung: Bis zur 4. postoperativen Woche Bewegungslimit 90° bei Armhebung und Armabspreizung. Ab 6. Woche Kraftaufbau. Metallentfernung frühestens nach 1 Jahr.

Vorteile: Ausheilung in korrekter Stellung mit besserem funktionellem Ergebnis, geringes Dislokationsrisiko.

Nachteile: OP-Risiko, oftmals Metallentfernung erforderlich, da Irritation durch Implantate (insbesondere bei schlanken Patienten).

Quellen:

Prokop A, Schiffer G, Jubel A, Chmielnicki M: Behandlung von

Klavikulafrakturen, Trauma Berufskrankh 2014 · 16[Suppl 3]:238–242

dgou.de/uploads/media/Nachbehandlungsempfehlungen_2018.pdf

 

3. Distale Radiusfraktur

Häufigste Fraktur beim Menschen (ca. 25% aller Frakturen).

OP-Indikation: - Starker Versatz der Bruchstücke, der geschlossen nicht wieder einzurichten ist

- Instabile Fraktur - Gelenkstufe nach Reposition > 2 mm - Offene Fraktur - Begleitende Gefäß- und/oder Nervenverletzung

OP-Technik: Üblicherweise wird der Bruch von der Hohlhandseite her offen wieder eingerichtet und anschließend mit einer Platte fixiert. Einige Bruchformen machen einen Zugang von der Handrückseite her erforderlich. Bei Gelenktrümmerfrakturen wird teilweise ein sog. Fixateur externe angelegt. Nach Versorgung mit einer Platte ist freie Beweglichkeit erlaubt. Belastungsaufbau nach 6 Wochen.

Vorteile: direkt postoperativ kann funktionell ohne Last nachbehandelt werden (d.h. freie Beweglichkeit und keine Gewichtsbelastung („kaffeetasssenstabil“)), hierdurch deutlich weniger Einsteifung des Gelenks und Muskelabbau als bei der Gipsbehandlung, Platte kann oftmals belassen werden.

Nachteile: OP-Risiko (siehe oben)

 

4. Schürf-/Risswunden

Unfallbedingte Wunden müssen in jedem Fall gereinigt und gespült werden. Bei ausgedehnten Verletzungen muss dies teilweise auch in Narkose im OP-Saal erfolgen. Riss-/Quetsch-Wunden können (ggf. nach Ausschneiden der Wundränder) primär genäht werden. Manchmal muss eine Drainage (Schlauch, um Wundsekret und Blut abfließen zu lassen) eingelegt werden. Bei ausgedehnten Riss-/Quetschwunden im Bereich stärkerer mechanischer Belastung (z.B. über einem Gelenk) muss ggf. eine kurzzeitige Ruhigstellung (1–2 Wochen) mittels Schiene oder Gips erfolgen. Fadenzug je nach Lokalisation 10 – 14 nach Naht. Auf ausreichenden Tetanusschutz muss geachtet werden, ggf. Auffrischung der Impfung.

Schürfwunden sollten gereinigt und im Anschluss steril verbunden werden.

 

5. Rippenfraktur

Rippenfrakturen treten meistens durch direkte Gewalteinwirkung gegen den Thorax auf (z.B. Sturz mit Oberkörper auf den Lenker oder den Boden). Am häufigsten sind die 4. - 9. Rippe betroffen. Ab einem Bruch von 3 oder mehr aufeinander folgenden Rippen spricht man von einer Rippenserienfraktur. Bei einer Rippenfraktur sollte immer auf das Vorliegen eines Pneumothorax (Luft zwischen Lunge und Brusthöhle) oder eines Hämatothorax (Blut zwischen Lunge und Brusthöhle) hin untersucht werden. Außerdem sollten die Bauchorgane (insbesondere Milz und Leber) mittels Ultraschall untersucht werden. Besteht der Verdacht auf eine entsprechende Verletzung sollte eine Computertomographie zur Diagnosesicherung durchgeführt werden. Rippenbrüche werden sehr selten (z.B. bei relevanten Begleitverletzungen wie schweren Lungenverletzungen oder hoch instabilem Thorax) operativ mittels Platten, Nagelung oder Klammern versorgt. In der Regel können Rippenbrüche jedoch konservativ behandelt werden. Wichtig sind hier eine gut angepasste Schmerztherapie (manchmal sogar mittels rückenmarksnahem Schmerzkatheter) sowie regelmäßige Atemgymnastik zur Vermeidung einer Minderbelüftung der Lunge mit möglicher Lungenentzündung. Bei Auftreten von akuter Atemnot sollte nicht gezögert werden, sondern direkt ein Arzt aufgesucht werden, da sich ein Pneumothorax auch noch im Verlauf entwickeln kann.

Quelle:

Raab S et al. Management der Rippenfraktur Zentralbl Chir 2019; 144: 305–321

 

Über die AGA, Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie

Die AGA ist die größte europäische Fachgesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie mit mehr als 5.000 Mitgliedern. Die Ziele der AGA sind unter anderem Nachwuchsförderung, Weiterbildung, Standespolitik im Zusammenhang mit der Arthroskopie und Gelenkchirurgie, Sicherung und Kontrolle der Qualität und die Unterstützung und Finanzierung von wissenschaftlichen und klinischen Projekten. Die AGA hat ihren Sitz in der Schweiz.

 

Weitere Informationen

AGA – Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie

Sprecher des Vorstandes

PD Dr. Sepp Braun

Gelenkpunkt, Sport- und Gelenkchirurgie Innsbruck

E-Mail: infoaga-online.ch

http://www.aga-online.ch

 

Leiter des AGA-Kommunikationskomitees

PD Dr. Stefan Buchmann

Orthopädisches Fachzentrum Weilheim

E-Mail: infoaga-online.ch 

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